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Liebe gegen den Strich Excerpt

 

1

 

 

KELLY SUTTON konnte es immer noch nicht glauben.

So oft er auch schon durch den St. James Park gegangen war, er konnte immer noch nicht glauben, dass er von der Photonic Royal Society in New London als Praktikant akzeptiert worden war und jetzt schon so lange hier lebte und arbeitete.

Anfang des 21. Jahrhunderts hatten ökonomische Probleme und das Versagen der Regierungen zu einem weltweiten Zusammenbruch geführt. In ihrer Verzweiflung hatten sich die Nationen an die Wissenschaft gewandt und sie um Hilfe gebeten. Innerhalb kürzester Zeit war eine Welt, deren Bevölkerung mit dem schnellen Wandel kaum Schritt halten konnte, von einer Unzahl getesteter und ungetesteter Technologien überschwemmt worden. Das Ergebnis dieser Entwicklung war die Photonische Revolution – eine Übersättigung an Biotechnologie, Nanoelektronik und ständig wachsenden kommunikativen Netzwerken.

Und das alles hatte hier angefangen.

Der schlanke Wolkenkratzer aus Glas und einer Nanolegierung hatte zweihundert Stockwerke. Er war Zeugnis einer neuen Welt, vereint durch die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Menschheit. Im obersten Stockwerk wurde an Projekt Mars gearbeitet, das sich in seiner letzten Testphase befand.

Kelly betrat das Gebäude durch die Sicherheitstüren und winkte dem Empfangspersonal und den Wachmännern des Sicherheitsdienstes fröhlich zu. Er ging zu einem Aufzug am Ende der großen Marmorhalle, der nur für ausgewählte Mitarbeiter zugänglich war. Dann presste er die Hand an eine Nanoglasscheibe und grinste dämlich, als sich die Tür des Aufzugs öffnete. Nachdem er die Kabine betreten hatte, drückte er die Hand zur Identifizierung erneut an eine Scheibe und rührte sich nicht, bis das holografische Sicherheitssystem seine Retina abgetastet hatte und ihn aufforderte, die Identifikation durch eine Stimmprobe zu bestätigen.

Seit einem Jahr hatte er diesen Aufzug jeden Morgen betreten, und immer noch versetzte es ihm einen Nervenkitzel. Allein der Gedanke daran war so aufregend, dass er keinen Kaffee mehr brauchte, um wach zu werden. Natürlich trank er seinen Morgenkaffee trotzdem. Schließlich war er kein Idiot.

Kelly war einer der wenigen ausländischen Mitarbeiter des streng geheimen Projekts, und das verdankte er Jahren harter Arbeit. Jetzt kam er sich vor wie ein kleines Kind im Spielzeugladen, das mit all den glänzenden, neuen Spielsachen spielen durfte. Und dafür wurde er auch noch hervorragend bezahlt. Schade war nur, dass er mit niemandem über seine Arbeit reden durfte. Nicht, dass er allzu viele Menschen kannte, mit denen er hätte reden können. Nach einem Jahr in New London waren seine engsten Bekannten eine Kollegin im Labor und die Nanobots, die er täglich präparierte. Er sollte sich wirklich mehr bemühen, hier Freunde zu finden.

Kelly kam in der Abteilung für Biotechnische und Biomechanische Forschungen an, die sich im vordersten Flügel des obersten Stockwerks befand. Er ging direkt in die Garderobe, in der sich die Praktikanten und wissenschaftlichen Assistenten umzogen. Eines Tages hätte er hier vielleicht auch sein eigenes Labor. Während er seinen Sakko aufhängte, hörte er hinter sich eine Stimme.

„Kelly!“

Er musste lächeln, als er das fröhliche Quieken erkannte. Kaum hatte er sich zu der Stimme umgedreht, piekste Pepper ihn mit dem Finger in den Bauch.

„Du bist heute besonders guter Laune“, sagte er lachend und gab der kleinen, blonden Frau einen spielerischen Klaps auf die Hand. Pepper arbeitete schon zwei Jahre länger hier als Kelly. Sie hatte ihn in das Projekt eingearbeitet und sie waren Freunde geworden, nachdem sie Kelly an seinem ersten Arbeitstag gedeckt hatte, als er vor Nervosität mit einem vollkommen harmlosen Experiment eine kleinere Explosion auslöste. Es war eine ziemliche Leistung gewesen, selbst für Kelly. Er konnte sich immer noch nicht vorstellen, wie ihm das gelungen war, denn das Experiment enthielt keinerlei explosive Bestandteile.

„Warum bist du so aufgeregt?“, fragte Kelly und zog sich den Laborkittel über. Dann klopfte er an die Brusttasche und aktivierte die holografische Identifikation.

Pepper sah ihn mit ihren großen blauen Augen aufgeregt an. „Nachdem wir so lange und so hart an unserem Projekt gearbeitet haben, sehen wir bald die Resultate.“ Sie klatschte begeistert in die Hände und folgte Kelly durch den Flur in das Labor, das Dr. Lucius Bryant, dem wissenschaftlichen Leiter der Abteilung für Biotechnische und Biomechanische Forschungen, unterstand.

Kelly hätte sich gerne mit Pepper gefreut, aber als Praktikant wurde er in die vertraulichen Informationen nicht eingeweiht, die Lucius und Pepper über das Projekt hatten. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass man ihm für die Zeit nach dem Praktikum schon eine feste Stelle zugesagt hatte. Kelly hatte sich langsam hochgearbeitet – von ungezählten Inventuren bis zur Kontrolle von Unregelmäßigkeiten in den Testergebnissen, der Verabreichung von Mikroinjektionen und der Verantwortung für einige Forschungsroutinen. Aber niemals war er in die tatsächlichen Hintergründe seiner vielfältigen Aufgaben eingeweiht worden, wenn man davon absah, dass sie alle mit Projekt Mars in Zusammenhang standen. Zugegeben, es war ein Geheimprojekt, aber Kelly hatte trotzdem nicht erwartet, dass es so geheim war, dass selbst er nichts darüber erfuhr.

Am Ende des Flurs war eine Stahltür, hinter der sich der biotechnische Flügel befand, in dem Projekt Mars untergebracht war. Hinter dieser Tür ging vieles vor sich und es verging kein Tag, an dem nicht reges Treiben herrschte. Doch die Tür wurde nur selten und für kurze Momente geöffnet. Das war auch heute nicht anders, als Kelly an seinen Arbeitsplatz im Labor kam und mit einem kurzen Fingertippen das Interface aktivierte.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall und er fuhr erschrocken zusammen. Sein Kopf zuckte hoch und er sah gerade noch, wie ein Stuhl durch die offene Stahltür auf den Flur rollte, wo er seine Reise mit einem lauten Krachen in ein – vermutlich teures – HHindernis beendete. Es war schon das dritte Mal in den letzten vier Tagen, dass so etwas passierte. Man hätte erwarten sollen, dass der Flur mittlerweile frei geräumt wäre, um den Stuhl auf seinem zerstörerischen Weg nicht mehr zu behindern.

Zusammen mit dem Stuhl wurden zwei Wachmänner vor die Tür geworfen. Sie landeten direkt vor dem Labor, wo sie ihre Gliedmaßen wieder sortierten, sich aufrappelten und davonhinkten. So oft Kelly das auch miterlebte, ihm fiel immer noch die Kinnlade runter bei dem Anblick. Am meisten wunderte ihn, dass – von ihm selbst abgesehen – niemand im Labor es zur Kenntnis zu nehmen schien. Lucius arbeite ungerührt an seinen holografischen Daten weiter, als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun, als die Inventur der heutigen Labormittellieferungen zu erledigen. Die einzige Reaktion, die er sich anmerken ließ, war, sich die Brille hochzuschieben, die auf seiner Nase saß.

Kelly starrte ihn mit offenem Mund an. „Hast du das gesehen?“

„Wir oft habe ich diese Kerle eigentlich schon gewarnt?“ Lucius warf Pepper über den silbernen Rahmen seiner Brille einen bedeutungsvollen Blick zu. „Wie oft?“

„In dieser Woche?“ Sie legte nachdenklich einen Finger an ihre rosafarbenen Lippen und wippte mit den Füßen. „Ich glaube, es ist das einhundertneununddreißigste Mal.“

„Dann ignorieren wir es also. Wieder.“ Wenn Kelly keine Antwort bekam, bedeutete das normalerweise entweder, dass er eine dumme Frage gestellt hatte und Lucius sich deshalb jedes Wort ersparte. Oder es handelte sich um eine Information, die Kelly nicht zu wissen brauchte. Dr. Lucius Bryant war Ende Vierzig. Seine strubbligen, dunkelbraunen Haare waren graumeliert und er trug einen leichten Stoppelbart. Seine gefasste Miene gab nichts preis. Alles, was er sagte, sagte er im gleichen, trockenen Tonfall. Meistens wusste man erst am Ende eines Satzes, ob er es ernst meinte oder nur sarkastisch war.

Kelly bemühte seinen besten englischen Akzent, um Lucius zu imitierten. „Schon gut, Kelly.“ Er klopfte sich selbst beruhigend auf die Schulter. „Es ist nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest. Nur ein ganz normaler Tag in unserem ganz normalen Labor.“ Dann drehte er sich wieder zu seinem Arbeitsplatz um und ignorierte Peppers amüsiertes Kichern und Lucius, der die Augen verdrehte.

„Bist du mit dem Bericht fertig geworden? Dr. Skye erwartet ihn heute Nachmittag.“

Kelly drehte seinen Stuhl wieder zu Lucius um. „Ja. Der Bericht. Ich habe alle Befunde aufgelistet. Allerding beunruhigen mich die Unregelmäßigkeiten in den Nanozellen von Probe MNB-Scan2308. Wenn ich einen Tag Zeit hätte, um sie zu untersuchen …“

„Nein.“ Lucius hob den Kopf und sein missbilligender Blick dämpfte Kellys Hoffnung, endlich tiefer in die Forschungen einsteigen zu können, um der Ursache für die Unregelmäßigkeiten auf den Grund zu gehen. „Dein Job ist es, die Unregelmäßigkeiten zu diagnostizieren. Mit der Analyse hast du nichts zu tun.“

„Ich weiß, aber …“

„Wenn du nicht wieder Inventur machen willst, reichst du nachher deinen Bericht ein und kümmerst dich anschließend um deine nächste Aufgabe.“

Kelly musste sich auf die Zunge beißen. Was war nur mit Lucius los? Jedes Mal, wenn es um eine wirklich wichtige Aufgabe ging, zog er Kelly den Teppich unter den Füßen weg. Lucius war Kellys Mentor. Sollte er nicht genau das Gegenteil tun? Ihm die Chance geben, Neues dazuzulernen?

Kelly nickte widerstrebend und nahm seine Arbeit wieder auf. Ihm stand ein weiterer Tag stumpfsinnigen Datentransfers bevor. Es ging ihm auf die Nerven. Er war Teil der Photonic Royal Society, der berühmtesten und wichtigsten Forschungseinrichtung, für die ein Wissenschaftler arbeiten konnte. Warum behandelte Lucius ihn wie den letzten Idioten, der links nicht von rechts unterscheiden konnte?

„Ich weiß, dass du mich für ein dämliches Arschloch hältst, aber …“ Lucius kam zu Kelly und sah ihn unerwartet besorgt an. „Vertrau mir. Es dient nur deinem Schutz.“

Bevor Kelly nachfragen konnte, wie das gemeint war, hatte Lucius schon das Labor verlassen.

„Nimm es nicht persönlich“, meinte Pepper und lächelte mitfühlend. „Lucius hat immer seine Gründe für alles, was er tut.“

„Es dient meinem Schutz? Schutz vor was? Vor meiner Karriere? Vor einer neuen Stelle als geschätzter Mitarbeiter und talentierter Wissenschaftler? Im Gegensatz zu einer Beschäftigung als namenloser Handlager, der den Rest seines Berufslebens als kleines Rädchen im Getriebe verbringt?“ Kelly presste die Lippen zusammen, bevor er etwas sagen konnte, das er bedauern würde. „Vor sechs Monaten hat er mir noch beigebracht, alles zu hinterfragen und jede Information genau zu überprüfen. Und jetzt, wo ich auf seinen Rat höre, blockt er mich ab. Ich verstehe das einfach nicht.“ Er beugte sich zu Pepper und senkte die Stimme. „Du bist doch seine Assistentin. Habe ich einen Fehler gemacht? Ist er sauer auf mich?“

„Er hat nichts dergleichen erwähnt.“ Sie knabberte an ihrer Unterlippe. „Um ehrlich zu sein, er hat das Thema gar nicht angesprochen.“

„Ist das gut oder schlecht?“ Kelly konnte es nicht mehr beurteilen. Lucius war auch unter den günstigsten Umständen nur schwer zu durchschauen. Kelly konnte immer noch nicht recht erkennen, wann der Mann etwas ernst meinte und wann nicht.

Pepper lächelte ihn reuevoll an. „Ich wünschte, ich könnte dir helfen.“

„Danke.“ Ihm kam ein Gedanke. „Heute ist Donnerstag. Lucius arbeitet donnerstags immer lange, nicht wahr?“

„Ja.“ Pepper sah ihn mit großen Augen an. „Was immer du auch vor hast, lass es sein. Wenn du Lucius störst, entzieht er dir die Zugangsberechtigung. Die langen Donnerstage sind von entscheidender Bedeutung für seine Arbeit. Was immer er dann auch tut, steht unter strengster Gemeinhaltung.“

„Verstanden.“

Kelly wollte Pepper nicht beunruhigen, aber sie schien von seiner Antwort nicht sehr überzeugt zu sein. Trotzdem drehte sie sich um und nahm ihre Arbeit wieder auf.

Kelly hatte nicht vor, Lucius heute Abend zu stören. Er wollte ihn nur kurz sprechen. Also beschloss er, Lucius abzufangen und ihm einige Fragen zu stellen, bevor der sich in seinem Büro einschließen konnte. Das dauerte nur ein paar Minuten. Nicht länger. Kein Problem.

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Liebe gegen den Strich

Book Details

  • Word Count: 21,915
  • Published: October, 4 2016
  • Cover Artist: AngstyG
  • ISBN: 978-1-63533-081-6
  • Price: $3.99